Globale BIM-Umfrage

BIM hat den Sprung geschafft! Vom – mit Spannung verfolgtem – Programmpunkt auf Konferenzen in reale Bauprojekte.

Initiativen wie planen-bauen 4.0 und der Stufenplan des BMVI (Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur) untermauern, dass der Moment gekommen ist mitzumachen, um den Anschluss nicht zu verpassen.

Um einen Überblick zu gewinnen, was „BIM ist angekommen“ in der Realität bedeutet, wieviel BIM in Projekten bereits eingesetzt wird und wie fit der Markt wirklich ist, haben wir die BIM-Umfrage ins Leben gerufen und mit 1.382 Teilnehmern weltweit spannende Ergebnisse erhalten. 370 und damit 27 Prozent der Umfrageteilnehmer kamen aus Deutschland und liefern interessante Einblicke in den Status quo unseres Heimatmarkts. In diesem Blogbeitrag wollen wir ausgewählte Ergebnisse aufgreifen und Ihnen erste Einblicke in die Resultate geben. Lesen Sie hier Auszüge der Umfrage oder downloaden Sie für die umfassende Auswertung jetzt das Whitepaper, um auf alle Ergebnisse der Umfrage unter anderem im globalen Ländervergleich zuzugreifen.

Der Traum vom gut gepflegten BIM-Biotop

42 Prozent der Befragten geben an, nicht mit BIM zu arbeiten. Diesen gegenüber stehen 33 Prozent, die sich auf das BIM-Level 01 berufen. Nach oben hin wird die Luft allerdings dünner. 19 Prozent ordnen sich in Level 02 ein, nur 6 Prozent sehen sich im dritten BIM-Level. Deutschland legt los, überlässt die BIM-Speerspitze im europäischen Vergleich aber weiterhin und – wie zu erwarten – Großbritannien. Durch nachhaltiges Engagement hat die britische Regierung gleiche Marktbedingungen für BIM-Anwender geschaffen. Seit April 2016 wird in Großbritannien kein öffentlicher Auftrag ohne BIM vergeben. Das kam nicht unangekündigt. Seit einigen Jahren wurde auf dieses Ziel hingearbeitet und dabei auch entsprechendes Geld in die Hand genommen. BIM Portale mit Informationen und Software-Unterstützung wurde ebenso finanziert, wie die Entwicklung einer ganzen Palette aufeinander abgestimmter BIM-Standards.

Von einem derart gut gepflegten BIM-Biotop können wir in Deutschland bisher dagegen nur träumen. Jeder tut nach seinen Kräften das Beste, das kann je nach Möglichkeiten sehr unterschiedlich ausfallen. Mag der Wechsel vom Zeichenbrett auf CAD auch oft herangezogen werden, der Vergleich hinkt zumindest ein wenig. Denn CAD hin oder her, Zeichenbrett bleibt Zeichenbrett, digital oder nicht, das Konzept bliebt noch annähernd das gleiche. BIM macht erstmalig etwas, das ohne den Rechner so nicht möglich ist: Es macht alle physischen Eigenschaften des realen Bauwerks einer Analyse im Rechner zugänglich. Die ersten Schritte in Richtung BIM machen dabei zunächst das Naheliegende: Konstruktionen, Kosten, Koordination. Das ist erst der Anfang denn das Potential ist noch nicht annähern ausgeschöpft. Simulationen, Automation, Sensorik und Sicherheitstechnik auf Basis von BIM-Modellen stehen schon bereit. Fallende Hardware-Kosten und zuverlässige, günstige Netze lassen die Kosten/Nutzen-Analyse zu Gunsten von BIM ausfallen. BIM ist also für die Bauindustrie der Einstieg in die digitale Welt auf breiter Ebene, eine Entwicklung, die gemeinhin als „disruptive Change“ bezeichnet wird. Am Beispiel der Dampfmaschine wird deutlich, wie durchgreifend die sich einstellenden Veränderungen sind und warum die Digitalisierung insgesamt in Analogie zur (ersten) industriellen Revolution bereits als Industrie 4.0 bezeichnet wird.

Pro und Kontra BIM: Das ist die Erklärung!

Was hält Nicht-BIM-Nutzer von BIM fern? Hier mussten die Befragten sich nicht für einen Grund entscheiden, sondern konnten mit Hilfe von Mehrfachantworten alle zutreffenden Gründe angeben. 26 Prozent sehen einfach (noch) keinen Mehrwert darin, weitere 26 Prozent der Befragten sagen, dass die Investitionen zu hoch seien. 34 Prozent greifen sich an die eigene Nase und geben frank und frei zu, dass sie nicht über die notwendigen Kompetenzen verfügen. Für 43 Prozent sind schlicht und einfach die Anderen schuld, laut ihnen liegt es vielmehr an den Kooperationspartnern, die noch nicht so weit sind. 20 Prozent verfügen nicht über die Entscheidungsgewalt über den Einsatz von BIM und 16 Prozent berufen sich auf weitere Gründe.

Die Belastungen im Alltagsgeschäft der Baupraxis sind erheblich, für Investitionen und Trainings bleibt oft keine Zeit, Zurückhaltung bei der BIM-Einführung ist absolut verständlich. Betrachtet man allerdings vorangegangene Technologiesprünge so wird klar, dass eine Teilnahme nicht auf Einladung erfolgt. Erfolgreich wird nur derjenige sein, der es schafft die Entwicklungen aktiv aufzugreifen. Die wachsende Pro-BIM Gemeinde in Deutschland stimmt daher zuversichtlich, denn die Pro-BIM-Liste fällt länger aus! Bei 35 Prozent wurden BIM Leistungen vom Kunden gefordert, 47 Prozent sehen verbesserte Wettbewerbsbedingungen, 53 Prozent schnelleres Erfassen/Lösen von Qualitätsfragen und Beseitigung von Kollisionen (Planungsqualität). 21 Prozent niedrigere Planungs- und Baukosten. Für 29 Prozent sprechen Vollständigkeit und Genauigkeit der an die Betriebsphase übergebenen Informationen dafür BIM einzusetzen, für 12 Prozent reduzierte Betriebs- und Instandhaltungskosten. Dass Planungsentscheidungen transparenter sind sehen 39 Prozent als Argument, 36 Prozent meinen BIM erleichtert eine gemeinsame Projektumgebung zwischen allen Beteiligten vom Projektbeginn bis zur Fertigstellung (zentrale Informationsquelle).

Diese Ergebnisse sprechen meinen Erfahrungen aus zahlreichen Gesprächen mit Anwendern aus verschiedensten Fachrichtungen und Größenordnungen. Die positive Aufbruchstimmung in Deutschland ist zu spüren. Erwartungsgemäß haben die international aufgestellten Unternehmen bereits BIM-Kompetenz erworben, aber auch mittlere und kleinere Marktteilnehmer haben zunehmend die Umsetzbarkeit von BIM in ihrem Marktsegment bzw. ihrer Fachrichtung erkannt. Mehr noch: die Beschäftigung mit BIM erzeugt „Aha“-Erlebnisse die zur Entmystifizierung und letztlich zum Erkennen der Alltagstauglichkeit von BIM führt. Das größere Planungstiefe höhere Planungssicherheit liefert ist natürlich eine „Binsenweisheit“. Wer diese Tiefe nutzt, beauftragt und vergütet ist dagegen die erfolgsentscheidende Frage. Natürlich lassen sich alle Leistungen über Einzelverträge regeln. Standards und best practices können den dabei entstehenden Argumentationszwang erheblich reduzieren. Anders als in Großbritannien nutzt die öffentliche Hand als größter Marktteilnehmer seine dominierende Position bisher nicht, um derartige Richtlinien zu etablieren, denn nur in wenigen Fällen werden öffentliche Auftrag-/Gesetzgeber genannt, welche die Nutzung von BIM verlangen (16 Prozent). 10 Prozent nennen den vollen Zugriff auf Asset-Informationen in Betrieb und Wartung. Diese Erwartung kann sich allerdings nur erfüllen, wenn diese Asset-Informationen, also beispielsweise Wartungshandbücher verbauter technischer Objekte und Anlagen, zuvor auch in das Modell eingebracht wurden. Für 12 Prozent gelten andere Gründe.

Was lange währt

Wir haben die BIM-Anwender gefragt, wie lange sie bereits mit der Methode arbeiten. Trotz des eher niedrigeren Levels, in das die deutschen Umfrageteilnehmer sich einordnen, gaben 30 Prozent an, dass die Methode in ihrem Unternehmen schon 5 Jahre oder länger im Einsatz ist. Bei 18 Prozent waren es 3-4 Jahre, 28 Prozent arbeiten seit 1-2 Jahren mit BIM und 24 Prozent gaben weniger als 1 Jahr an. Dies deckt sich mit vielen Anwendergesprächen in Deutschland. Tatsächlich ist nicht alles neu an BIM, auch wenn viele neue Abkürzungen und „Buzzwörter“ in Spiel sind. Hier würde man sich noch mehr Selbstbewusstsein bei den Anwendern wünschen. Denn durch die Beschäftigung mit dem Thema BIM werden bereits gute bestehende Praktiken unter der neuen Überschrift wiedererkannt und bestärkt. Mal ehrlich: Dass gute Planung zu weniger Problemen auf der Baustelle führt, haben wir auch vorher schon gewusst. Und, dass Kostenschätzungen umso zuverlässiger sind, je besser die kostenrelevanten Informationen abgebildet werden, ist auch nicht ganz neu. Die Frage ist, zu welcher Zeit man welchen Aufwand betreiben will und wer diesen Aufwand bezahlt. Hier gilt es vorhandene Schätze zu heben und gezielt in den BIM-Kontext einzubringen. Denn BIM hin oder her, wer heute schon seine Kostenelemente in jeder gewünschten Detailtiefe hinterlegt hat, kann genaue Kosteninformation bereits auf Knopfdruck liefern. Der investierte Mehraufwand zahlt sich mit BIM jetzt aus, wenn diese Mehrleistung vom Auftraggeber häufiger abgefragt wird.

Wenig BIM in aktuellen Projekten?

Auf die Frage der Dauer des Einsatzes folgte die Frage nach der Intensität der Verwendung von BIM in Projekten. Soviel Bedeutung BIM zugeschrieben wird, die Baubranche revolutionieren zu können, möchte man annehmen, dass – kennt man BIM erstmal – man nicht mehr ohne möchte. Obwohl die Umfrageteilnehmer BIM nutzen und manche auch schon mehrere Jahre, ist die Kategorie unter 10 Prozent absoluter Spitzenreiter bei dem Einsatz von BIM in Projekten. Hier machten 41 Prozent der deutschen Umfrageteilnehmer ihren Haken. In 11-25 Prozent ihrer Projekte wenden 19 Prozent BIM an, in der Kategorie 26-50-prozentige und in 51-75-prozentige BIM-Nutzung sind es 14 Prozent, in 76-99 Prozent noch 8 Prozent und nur 4 Prozent geben an, dass BIM bei Ihnen in 100 Prozent, in allen Projekten zum Einsatz kommt.

Hätten wir die Frage gestellt „In wieviel Prozent aller Projekte nutzen Sie CAD?“ wäre die Antwort sicher dicht bei hundert Prozent gewesen. Denn ein CAD-Programm kann man kaufen, man weiß wann und in welchen Projekten man es einsetzt. BIM dagegen ist eine Methodik, eine Sammlung von Vorgehensweisen, da weiß man nie so genau, ob man sie schon hundertprozentig einsetzt. Eine erhebliche Unsicherheit bleibt, das spiegelt das Umfrageergebnis deutlich wieder. Zusammen mit den anderen Umfrageergebnissen, wie Mangel an Schulungsmöglichkeiten und fehlende Kooperationspartner, rundet sich dieses Bild ab. Auch wenn publikumswirksame Katastrophenprojekte gerne zur Regel hochstilisiert werden, die Mehrzahl aller Projekte in Deutschland verläuft positiv. Das durchaus noch Luft nach oben ist, scheint ebenfalls unstrittig, das Drehen an Kosten- und Personalschrauben zeigt jedoch keine positiven Wirkungen mehr. BIM zielt deshalb auf Verbesserungen im Prozess, das heißt auf eine qualitativ bessere Zusammenarbeit, auch und gerade über Fachbereichs- und Unternehmensgrenzen hinaus. Dass hier die Messbarkeit des BIM-Einsatzes schwer fällt sollte nicht verwundern. Tatsache ist: Wo BIM drauf steht ist nicht immer auch BIM drin und wo nicht BIM draufsteht, tritt überraschend oft viel BIM zutage.

Die eigene BIM-Expertise erhält ein „gut“

Gefragt nach der Selbsteinschätzung der eigenen BIM-Expertise, zieren sich die deutschen Umfrageteilnehmer sich ein „Sehr gut“ zu geben (7 Prozent). Bei „Gut“ schlagen sie aber voll zu (48 Prozent). 32 Prozent sagen weniger gut, 13 Prozent geben sich ein Schlecht. Selbstbewusstsein und Realismus scheinen hier die richtige Balance zu finden. Warum sollen wir schlechter sein als beispielsweise die Briten? Sind doch Ausbildung, Aufgabenstellungen und Resultate gebauter Umgebung bei allen Unterschieden absolut vergleichbar. Allerdings macht die Fragmentierung in sehr viele Klein- und Kleinstunternehmen in Deutschland den fach- und unternehmensübergreifenden Aspekt von BIM besonders wichtig, aber auch fragil. Denn eine Prozesskette kann nur so gut sein wie ihr schwächstes Glied. Da haben es die Briten tatsächlich leichter. Bei ihnen überwiegen im Baubereich die Großunternehmen.

Wo kann man von BIM profitieren?

Sind BIM-Nutzer Optimisten? Wirklich valide ist so ein Kausalzusammenhang wahrscheinlich nicht. Tatsache ist, dass BIM-Nutzer gegenüber Nicht-BIM-Nutzer bei mehreren Prozessen einen Vorteil durch BIM sehen:

  • Bei modellbasierter Zusammenarbeit erwarten 66 Prozent einen positiven Einfluss gegenüber 39 Prozent der Nicht-BIM-Nutzer
  • Bei der Zeitplanung sind es 38 Prozent gegenüber 36 Prozent
  • Bei Simulationen (Baufortschritt, Energieverbrauch, etc.) 41 Prozent zu 32 Prozent
  • Kollisionsprüfung, Qualitätsprüfung 64 Prozent gegenüber 41 Prozent
  • Kostenermittlung 54 Prozent gegenüber 51 Prozent
  • Mengenermittlung 58 Prozent zu 46 Prozent
  • Änderungsmanagement zwar sehr knapp mit 48 Prozent gegenüber 47 Prozent aber immerhin das gleiche Muster
  • Baudokumentation & Inbetriebnahme 52 Prozent zu 46 Prozent.

Dann dreht sich das Bild.

  • Bei Abnahmeprozessen können sich 24 Prozent der Nicht-BIM-Nutzer vorstellen, dass man durch BIM hier profitieren kann. Das glauben nur 15 Prozent der BIM-Nutzer.
  • Baustellensicherheit & Arbeitsschutz wird generell wenig BIM-Relevanz zugemessen, aber auch hier versprechen sich die Nicht-BIM-Nutzer eher einen Vorsprung als die BIM-Nutzer (9 Prozent gegenüber 6 Prozent.)
  • Auch bei Mängelmanagement zeigt sich ein kleiner Unterschied (Nicht-BIM-Nutzer: 32 Prozent; BIM-Nutzer: 26 Prozent).
  • Desweitern im Immobilienmanagement mit 22 Prozent (Nicht-BIM-Nutzer) gegenüber 15 Prozent (BIM-Nutzer) und
  • Facility Management 31 Prozent (Nicht-BIM-Nutzer) gegenüber 27 Prozent (BIM-Nutzer).

Offenbar ist hier das BIM-Weltbild noch sehr eingeschränkt, was die Möglichkeiten und Erwartungen anbelangt. Kollisionen, Mengen und Kosten, BIM hin oder her Brot und Butter im täglichen Geschäft, wird auf Basis von Modellen als vorteilhaft empfunden. Wenn das mit BIM nicht besserginge, welchen Wert hätte die Methode dann überhaupt? Schwieriger wird’s in nachgelagerten Prozessen. Abnahmeprozesse, verbunden mit Fertigstellungsgraden, Leistungsmeldungen und Rechnungsfreigaben, wie das mit BIM besser gehen soll bleibt augenscheinlich noch ziemlich im Dunklen. Vielleicht ist der Eindruck, dass hier noch recht CAD-nah gedacht wird, nicht ganz falsch. Kollisionen und Mengen sind noch recht geometrienahe Phänomene, Kosten leiten sich daraus ab. Aber den Ablauf der Leistungsermittlung auf der Baustelle inklusive eines modellbasierten Soll-/Ist-Vergleichs und der Weiterleitung dieser Informationen an die Buchhaltung, das scheint für die meisten Anwender noch in weiter Ferne zu liegen. Zum Thema Baustellensicherheit und Arbeitsschutz wird ein BIM-Bezug noch nicht gesehen. In den britischen PAS 1192 Part 2und 3 ist die Dokumentation von “Health & Safety” in Gebäudemodell dagegen schon ein fester Bestandteil.

BIM ist und bleibt Trendthema?

Gefragt nach der Bewertung des aktuellen Trends zur Nutzung von BIM geben 9 Prozent der Nicht-BIM-Nutzer an, dass sie glauben BIM sei nicht wichtig. Das glaubt nur 1 Prozent der BIM-Nutzer. Auch bei der nächsten Abstufung – weniger wichtig – sind die Nicht-BIM-Nutzer stärker vertreten, 29 Prozent gegenüber 16 Prozent. Der BIM-Trend ist wichtig meinen die meisten: 50 Prozent der Nicht-BIM-Nutzer, 48 Prozent der BIM-Nutzer. Dann legen die BIM-Nutzer zu. Während nur 12 Prozent der Nicht-BIM-Nutzer unter den deutschen Umfrageteilnehmern meinen der BIM-Trend sei sehr wichtig, setzen hier 36 Prozent der BIM-Nutzer ihren Haken. Damit glauben 84 Prozent der BIM-Nutzer unter den Befragten, dass der BIM-Trend wichtig bis sehr wichtig und immerhin 74 Prozent der befragten Umfrageteilnehmer in Deutschland gesamt. Gute Aussichten!

Ulrich Hartmann

Ulrich Hartmann

Product Manager BIM bei Aconex
Ulrich Hartmann ist Product Manager BIM für Aconex, weltführende cloudbasierte Plattform für eine digitale Projektdurchführung.
Ulrich Hartmann