Ausverkauft! 15. BIM Anwendertag im kurfürstlichen Schloss zu Mainz

Prof. Rasso Steinmann, Eröffnungsrede im Großen Saal des kurfürstlichen Schlosses, Mainz

Hat die deutsche BIM-Entwicklung endlich Anschluss gefunden an den internationalen Vormarsch der Briten?

Der 15. BIM Anwendertag im kurfürstlichen Schloss zu Mainz konnte sich in Umfang und Ambiente durchaus mit vergleichbaren Veranstaltungen in Großbritannien und weltweit sehen lassen. Mit über 500 Teilnehmern wurden hier nicht nur neue Rekorde erreicht. Vier parallele Tracks mit hochklassigen Präsentatoren und Vorträgen zeigten das breite Spektrum von BIM heute in Deutschland. So hatte man eher die Qual der Wahl, aus der Vielfalt der Fachvorträge eine Auswahl zu treffen.

Sind wir damit am Ziel?

Dass BIM ein kontinuierlicher Weg ist, wurde bereits in der Eröffnungsrede von Professor Rasso Steinmann, Vorstandsvorsitzender von buildingSMART Deutschland und deutscher Vertreter im buildingSMART International Council, deutlich. Die Ausrichtung von buildingSMART sei anfangs sehr techniklastig gewesen. Aus heutiger Sicht mache die Technik bei BIM wohl eher nur ca. 20 Prozent aus, während das Prozessmanagement mit 80 Prozent den wesentlich wichtigeren Anteil darstelle. Dem trägt auch die Gründung einer neuen buildingSMART Arbeitsgruppe „BIM Collaboration“ Rechnung, deren erste Sitzung mit ca. 40 interessierten Teilnehmern am Vortag der Konferenz stattfand. Ziel wird eine Aktualisierung des in die Jahre gekommenen BIM Handbuchs sowie die genaue Beleuchtung des vielschichtigen Themas der Detailierungsgrade von Modellen (Level of Detail LOD) sein. Ein wichtiger Punkt, wenn es um den Informationsgehalt beim Datenaustausch geht.

Angekommen? Der Weg ist das Ziel!

Man sieht, BIM ist auch in Deutschland in der Praxis angekommen. Manche werden sich an Diskussionen auf vergangenen Anwendertagen erinnern, in denen BIM-Protagonisten von manch alt-eingesessenem Praktiker aufs Korn genommen wurden und quasi mit dem Rücken zur Wand BIM-Methodik und -Technik zu verteidigen hatten. Heute, so scheint es, herrscht Einigkeit über das Ziel, auch wenn die Wege und Lösungen in technischer Hinsicht unterschiedlich sein mögen. Viele Gespräche am Rande dieser Tagung machen deutlich, dass in der praktischen Umsetzung durchaus Probleme bestehen, dass diese jedoch nicht mehr Anlass sind die gesamte Methodik zu hinterfragen. Es setzt sich der Wille durch, praktikable Lösungen zu finden, zu fordern und gegebenenfalls auch selbst zu erarbeiten. Hier ist ein wachsendes Selbstbewusstsein der Anwender gegenüber Softwareherstellern zu verzeichnen. Besonders in der Unterstützung von open BIM, also der möglichst nahtlosen Zusammenarbeit zwischen Software- Produkten verschiedenster Hersteller, gibt es noch viel Luft nach oben. Hier sehen viele Anwender bisher nicht eingelöste Versprechen seitens der Hersteller. Diese konnten bis vor kurzem noch mit Verweis auf technische Besonderheiten und eigene einzigartige Funktionalitäten imponieren, um mangelnde Austauschfähigkeit zu begründen. Heute stehen dem bereits Forderungen seitens der Anwender gegenüber, die auf saubere Schnittstellen und offene Datenformate pochen, denn ein funktionierender Prozess der Zusammenarbeit steht im Vordergrund. Genau darum ist es so erfreulich und im Interesse der Anwender, dass buildingSMART Deutschland als Protagonist und Speerspitze dieser Bewegung jetzt eine derart breite Unterstützung erfährt.

Stimme der Anwender

Nicht nur die Zahl der Besucher von BIM Veranstaltungen, auch die Anzahl der Mitglieder im buildingSMART Verein Deutschland hat sich sehr positiv entwickelt, wie Professor Steinmann ausführte. Das gibt noch mehr Rückendeckung, die Interessen der Anwender in Politik und Wirtschaft zu vertreten. buildingSMART Deutschland entwickelt sich zu einem Bundesverband „Informations-Management in der Bauindustrie“, so könnte man meinen. Wichtige Initiativen haben bereits ihren Ursprung bei buildingSMART Deutschland genommen. Professor Steinmann nannte hier die Entwicklung des umfangreichen deutschen BIM-Standards, der nunmehr, nach drei Jahren harter Arbeit in den Fachausschüssen des VDI in diesem Jahr schrittweise der Öffentlichkeit vorgestellt wird. Professor Steinmann, einer der Initiatoren und Leiter der VDI 2552 Richtlinien-Ausschüsse, würdigte in seiner Rede die Arbeit der derzeit zehn Arbeitsgruppen und kündigte bereits die Bildung weiterer zwei Arbeitsgruppen für die neue deutsche BIM-Richtlinie an. Auch Aconex zeigt hier durch Entsendung von Experten in drei der zehn Arbeitsgruppen ein starkes Engagement.

Es gibt nichts Gutes, außer man tut es…

Dass dieses Kästner-Wort immernoch Gültigkeit hat, zeigt der Bundesverband der deutschen Heizungsindustrie. Ralf Kiryk vom Bundesverband der Deutschen Heizungsindustrie BDH stellt eine offene BIM-Plattform vor, auf der Hersteller ihre Produktkataloge in verschiedenen Detaillierungsgraden (LODs) und Formaten zur Verfügung stellen können. Software kann sich verbinden und diese Daten in BIM-Modellen nutzen. Eine echte Win-Win-Situation für Anwender und Hersteller. Wer dachte, so etwas geht nur in Großbritannien wurde hier also eines Besseren belehrt. Man darf nur wünschen, dass zukünftig auch andere Verbände und Interessensvertretungen ihre Mitglieder in derart zielorientierter und zeitgemäßer Art und Weise unterstützen werden. Vom Ende der „BIM-Nahrungskette“, also aus Sicht des Betreibers, werden nun endlich ebenfalls mehr Forderungen laut. Mit der Fraport AG schildert dies ein Schwergewicht der Branche und zeigt damit, dass Bewusstsein und Kompetenz bei Bauherren und Betreibern das entscheidende Glied in der Wertschöpf- ungskette BIM ist. Nur wer seine Informationsanforderungen klar definieren kann, hat auch Aussicht auf optimale Prozessunterstützung und damit auf die gewünschten Optimierungsgewinne.

Workshops – BIM zum Anfassen

In den Workshops, parallel zu den vier Session Tracks, konnte man praktisch erleben, wie die Wertschöpfungskette BIM praktisch aussieht. Hier hatten sich sieben Hersteller beziehungsweise Anwender (formitas, Tekla, Nevaris, Revit, eTask, Allplan und Aconex) im Spiegelsaal des Schlosses zusammengetan, um an ihren Stationen den direkten Ablauf der Zusammenarbeit in BIM-Gesamtprozess zu demonstrieren. Die technische Basis für eine Zusammenarbeit bildete die conjectPM BIM-Plattform, neudeutsch als „Common Data Environment CDE“ bezeichnet oder auch gemäß VDI 2552 die „Gemeinsame Datenumgebung“. Hier konnte man live erleben, wie Anwender unterschiedliche Software nutzen und dennoch nach dem openBIM-Prinzip nahtlos zusammen arbeiten. Auf der CDE laufen alle Modelle zusammen, um dann zentral vom BIM-Manager – im Workshop vertreten durch formitas – koordiniert und geprüft zu werden. Die Verfolgung und Behebung erkannter Fehler wird anschließend von der CDE übernommen. Der Zyklus des Lieferns, Prüfens und Verbesserns von Modellen wiederholt sich, unterstützt durch die CDE, bis zufriedenstellende Gesamtergebnisse erzielt werden. Im Fokus sind dabei nicht nur technische Belange, mit Nevaris war auch die Kostenkontrolle vertreten. So konnte in jedem Prozessschritt auch die Sicherheit auf der Kostenseite eingebunden werden. Offene Modellformate wie IFC und BCF spielten hierbei eine entscheidende Rolle. Eine nahtlose und verlustfreie Zusammenarbeit zwischen allen Beteiligten, beispielsweise zwischen Fachplanern, Architekt und Bauherrn konnte damit eindrucksvoll gezeigt werden. Das Publikum honorierte es durch rege Teilnahme und kritische Fragen.

Fazit

Ob Rechts- oder Honorarfragen, ob Fragen zur strategischen Einführung im Unternehmen oder technische Fragen wie die Türplanung mit BIM oder BIM im Infrastrukturbau, kaum ein Aspekt blieb beim 15. BIM Anwendertag 2017 in Mainz unberücksichtigt. Es hat sich eine starke BIM Community in Deutschland entwickelt. Gut zu sehen, dass auch mittelständische Unternehmen zunehmend den Nutzen erkennen und aktiv umsetzen. Der rege Austausch zwischen Experten und Anwendern auf Kongressen wie diesem tragen dazu bei, dass die lange zu verzeichnende Orientierungslosigkeit und Zurückhaltung einer Klarheit in Optionen und Zielen weicht. Es geht voran, doch nur wer mitmacht kann gewinnen.

Ulrich Hartmann

Ulrich Hartmann

Product Manager BIM bei Aconex
Ulrich Hartmann ist Product Manager BIM für Aconex, weltführende cloudbasierte Plattform für eine digitale Projektdurchführung.
Ulrich Hartmann