BAU 2017 – BIM und das virtuelle Feigenblatt

Die BAU 2017 – mit über zweitausend Ausstellern weltweit größte Messe ihrer Art, erschlägt förmlich durch Vielfalt. Da hilft nur Konzentration auf das Wesentliche.

In meinem Fokus: BIM und die Zukunft des Planens, Bauens und Betreibens. Erster Eindruck: In den Messehallen der Software-Hersteller schickt gefühlt jeder zweite Stand seine Besucher in virtuelle Welten.

Faszinierend, sich in einer Welt wiederzufinden, die so realistisch erscheint wie die Wirklichkeit. Die Illusion kommt aus einer kleinen Plastikbox. Ein eigenes Bild für jedes Auge, aus leicht versetzter Perspektive erzeugt, wird im Kopf zu einem dreidimensionalen Bild. Den Bewegungen des Kopfes folgend, wird der völlig schwerelose Gang durch das virtuelle Gebäude möglich. Cool! Dazu noch preiswert für den Kunden und mit Software leicht zu realisieren. Doch, durch das 3D-Modell wandern, konnten wir das nicht schon vor 20 Jahren? Nicht so elegant, sondern nur am PC mit Maus und Pfeiltasten? Virtual Reality also nur ein “fancy gimmick” oder bringt sie echten Mehrwert?

Achtung! BIM kommt nach Deutschland

Mit der ersten deutschen BIM Norm kommt BIM auch in Deutschland immer näher. Doch zu dumm: BIM kann man nirgends kaufen! Fragt man sich bei den Software-Herstellern durch, wie ihre Produkte zusammenarbeiten, wie man also BIM-Daten aus verschiedenen Anwendungen zusammen bringt, trifft man auf eine Fülle von Einzellösungen. Das überrascht, besonders wenn diese Einzellösungen auch noch aus einem Hause stammen. Hatte man uns nicht mit BIM irgendwas von verlustfreier Zusammenarbeit versprochen? An jeweiligen Stand heisst es dann, man könne doch eine IFC-Datei exportieren und auf den Server, die Cloud-Lösung, das Team-Verzeichnis legen. Sieht so Integration aus?

Das virtuelle BIM-Feigenblatt

Die Software-Hersteller haben seit Jahren ihre BIM-Hausaufgaben nicht gemacht. Wirkliche Integration sucht man vergeblich. Mehr als ein virtueller Durchmarsch durch die virtuelle Wunderwelt ist nicht erkennbar. Sag mir “Wand” aus welchem Material du bist! Sag mir “Kabelschacht” was in dir steckt! Da schweigt die Brille – Interaktion Fehlanzeige, “geplant im nächsten Release” heisst es dann meistens…

Die VR-Brille also nur ein digitales Feigenblatt, das zu kurz Gekommenes verdecken soll? Das viel mehr BIM drin stecken kann, zeigt ein Beispiel, vorgestellt am Rande der Messe auf dem BIMiD Fachsymposium: Wo immer sie sich real befinden, Architekten, Ingenieure, Bauherr, treffen sich zur virtuellen Baubesprechung. Ein dreidimensionaler Smiley zeigt Position und Blickrichtung der anderen. Ohne Reisekosten ist man schon mittendrin, kann Probleme ‘vor Ort’ gemeinsam anschauen und Lösungen anstoßen. Auch PaletteCAD weiss virtuoser mit virtuellen Welten umzugehen. Hier beginnt die Planung des Innenausbaus schon auf der Webseite des Handwerkers oder Innenarchitekten. Der Kunde klickt seine Badausstattung im virtuellen Raum zusammen. Auch schon da gewesen, klar. Aber: Jetzt nimmt der Handwerker seinen Kunden an die Hand. Im virtuellen Raum wird die erste Idee gemeinsam verbessert. Der Kunde bleibt zuhause, das SmartPhone wird zur VR-Brille. Aufwand gering, Kundenbindung hoch. So muss BIM!

CONPrint3D – Ein- oder Mehrfamilienhäuser aus dem Betondrucker

Ein Projekt der Fakultäten Maschinenwesen und Bauingenieurwesen der TU Dresden. Stein auf Stein war gestern, das moderne Haus wird gedruckt. Wer hier an Robotereinsatz denkt liegt richtig, wer an klassischen Geräteeinsatz denkt auch. Die TU Dresden zeigt, disruptiv geht auch anders. Für ein neues Rezept müssen nicht alle Ingredienzien neu erfunden werden.

Einfamilienhaus
Zutaten

  • eine herkömmliche Betonpumpe, mit mechanischen Verbesserungen, zum zentimetergenauen Führen des Auslassrohrs
  • Beton mit relativ feinkörnigen Zuschlägen (feiner Kies, Sand)
  • etwas Chemie zur Steuerung der Betonverfestigung
  • einen Betondruckkopf, entwickelt an der TU Dresden
  • ein BIM-Modell und eine intelligente Steuerung

Vorbereitung

Entfernen Sie alle überflüssigen Elemente aus dem BIM-MODELL, so dass nur noch die tragenden Betonteile übrig bleiben. Generieren Sie die Fahrwege für den Betondruckkopf aus dem BIM-Modell, so dass jede Wand schichtweise aufgebaut wird. Setzen Sie den Betondruckkopf auf die Auslassöffnung der Betonpumpe.

Zubereitung

Positionieren Sie die Betonpumpe, so dass alle Punkte des Bauabschnitts erreicht werden. Bewegen Sie den Druckkopf zunächst langsam (ca. 270 m/h), um beste Ergebnisse zu erzielen. (Später sind deutliche Steigerungen möglich.) Fahren Sie mit einer Schichtdicke von 5 cm. Beachten Sie: Roboter schlafen nicht! Ein Stockwerk ist selbst bei vorsichtiger Schätzung an einem Tag fertig.
Arbeitszeit: ca. 20% gegenüber herkömmlicher Fertigung im Mauerwerksbau
Materialkosten ca. 80% gegenüber Mauerwerksbau. Keine Aufwände für Schalungen.
Schwierigkeitsgrad: simpel / Kalorien: keine Angabe

Gute Aussichten

B0, die Halle der Forscher hatte noch eine Menge mehr zu bieten. Zum Beispiel die atemberaubend ästhetischen Flächentragwerke aus Holz des Institute for Computational Design and Construction der Universität Stuttgart. Konstruktion und Perfektion ohne Robotereinsatz undenkbar. Doch das würde den Rahmen sprengen, hier muss eine Fotoimpression und der direkte Link zum Projekt ausreichen.

Ulrich Hartmann

Ulrich Hartmann

Product Manager BIM bei Aconex
Ulrich Hartmann ist Product Manager BIM für Aconex, weltführende cloudbasierte Plattform für eine digitale Projektdurchführung.
Ulrich Hartmann